1. Motivation zum Projekt „Kinderforscher“

"Voriges Jahr konnten 48.000 Ingenieurstellen nicht besetzt werden, ermittelte das Institut der deutschen Wirtschaft – mehr als ein ganzer Uni-Jahrgang. Jedes zweite Industrieunternehmen hat deswegen Probleme, stellt der deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) fest. Der Ingenieurmangel `droht zur Wachstumsbremse Nummer eins der deutschen Wirtschaft zu werden´, sagt Kurt Lauk vom Wirtschaftsrat der CDU."[1] Bekanntlich braucht Deutschland dringend mehr technisch-mathematisch-naturwissenschaftlichen Nachwuchs! Wenn ich jedoch deutsche Oberstufenschüler frage, was sie einmal werden wollen, sagen mir die meisten "Ich mache erst einmal Abitur." Danach wollen sie anfangen zu überlegen, was sie beruflich werden wollen, ob und wo sie studieren wollen, oder sie gehen erst einmal ins Ausland und überlegen dann. Deutschland mangelt es an Ingenieuren, und seine Abiturienten wissen nicht, was sie nach dem Abitur machen sollen! ‚Sie machen erst einmal Abitur’.

Haben Sie schon einmal einen amerikanischen college bound high school student gefragt, was er nach der High School machen möchte? - Haben Sie jemals die Antwort erhalten, ‚ich gehe nur zur Schule, um mein High School Diploma zu machen, … danach schaue ich dann weiter?’ - Ich nicht! – ‚Stanford, Harvard, Yale, Berkeley, medical school, business school, law school’, … , dieses sind die Antworten, die man dort bekommt, und zwar spätestens ab der 9. Klasse, - wenn nicht schon viel früher!

2. Welche Herausforderungen bestehen für Deutschland

Und in Deutschland? - Hier geht man zur Schule, um ‚Abitur zu machen’. Man wählt gerade solche Fächer als Leistungskurse, in denen man den besten Abitur-Notendurchschnitt erwartet. Wenn überhaupt, dann wird später ohnedies nur nach dem Abiturdurchschnitt gefragt, und nicht auch, welche Fächer belegt wurden oder was der Schüler noch zusätzlich in dieser Zeit z. B. auch für die Allgemeinheit bzw. die Gesellschaft geleistet hat. Keiner erwartet, dass ein Schüler vor dem Abitur weiß, was er danach machen möchte. ‚Deutschland braucht eine Zukunft’, - aber Deutschland motiviert junge Menschen nicht, an ihre Zukunft zu denken. Deutschland gibt Schülern nicht die Grundlage für Empowerment.

Mit dem "Kinderforscher"-Projekt werden nicht nur die Kinder gefördert: Auch die Lehrer werden automatisch weiter fortgebildet. Die Lehrer lernen, den experimentellen Unterricht in den Schulalltag einzubauen. Dabei können sie selbst erfahren, welche Motivation dieses bei den Kindern bewirkt. Hierzu ist im Vorfeld nicht viel Vorbereitungszeit und auch keine teure Weiterbildungsmaßnahme erforderlich, durch die sogar noch Unterricht ausfällt: Im Gegenteil, die Lehrer lernen mit den Kindern!

Auch die Eltern werden durch das Projekt "Kinderforscher" motiviert und weitergebildet: Sie können den Enthusiasmus ihrer Kinder während des Kursus beobachten. Dieses wird vor allem bei der großen Abschlusspräsentation im AUDIMAX-Hörsaal der TUHH deutlich, wo die Kinder selbst vortragen. Die Eltern erleben hier, dass es sich lohnt, Kindern Ziele zu geben, die die Schüler wiederum  selbst begeistern und fördern. Es scheint, als haben Eltern in Deutschland manchmal Angst vor zu viel Bildung! Manche haben Berührungsängste und keine eigene Erfahrung mit Universitäten, Naturwissenschaft und Technik. Bei der Abschlusspräsentation soll diese Hemmschwelle mit abgebaut werden. Auch sie kommen so an die Universität und können dann sehen, wie Ihre Kinder dort hoch motiviert agieren.


3. Umsetzungskonzept für das Projekt „Kinderforscher an der TUHH“

Zentraler Punkt bei der Entwicklung des ‚KINDERFORSCHER AN DER TUHH’ - Projektes war und ist, Kindern in Deutschland frühzeitig Ziele und Rollenmodelle aufzuzeigen, - insbesondere im technisch-naturwissenschaftlichen Bereich! – Natürlich gibt es in Deutschland bereits sehr viele Angebote, aus denen Kinder und Eltern aussuchen können. Wenn Kinder jedoch keine Ziele haben, und die Notwendigkeit dieser auch nicht vermittelt werden, dann werden wohl auch nicht genügend viele Kinder diese Angebote wahrnehmen!

Hinzu kommt: Eltern oder auch Lehrer haben vielfach Berührungsängste mit Technik oder den Naturwissenschaften, und daher werden die Kinder oft mit diesen Themen erst gar nicht in Berührung kommen!  Wer repariert heute noch sein eigenes Auto, seine Stereoanlage oder seine Waschmaschine? Entweder die Geräte sind so hoch entwickelt, dass sie in eine Werkstatt zur Computerdiagnostik müssen, oder es ist billiger, sie zu ersetzen! Kinder können hier nicht mehr zuschauen oder mithelfen. Nur, wie soll ich mir zum Ziel setzen, Ingenieur zu werden, wenn ich selbst nie mit Technik in Berührung gekommen bin? Es fehlt das Empowerment der Kinder!

3.1. Warum sollten gerade begabte Dritt- und Viertklässler gefördert werden?

Begabte Kinder sind häufig gegen Ende der Grundschulzeit unterfordert. Am Gymnasium finden sie wieder Förderung, aber in der 3. und insbesondere 4. Klasse haben sie brach liegende Kapazitäten. Die Klassen sind oft groß, die Lehrer(innen) geben sich zwar mit der Binnendifferenzierung viel Mühe, jedoch können Sie häufig der Förderung gerade der technisch-naturwissenschaftlich begabten Schüler nicht nachkommen. Es gibt zwar Mathematik-Zirkel und ‚Kreatives Schreiben’, - aber die wichtige Förderung des praktischen Umsetzens von Wissen, was z.B. zukünftige Ingenieure sehr brauchen, dieses sprengt den Rahmen des normalen Unterrichts. Deutschland ist gerade für die Ausbildung hervorragender Naturwissenschaftler und Ingenieure bekannt, und diese gehen eigentlich gerade aus der Förderung naturwissenschaftlich begabter Schüler hervor.

Seitens der Technischen Universität Hamburg-Harburg (TUHH) geht es einerseits darum, die Universität auch für jüngere Kinder zugänglicher zu machen. Die Professoren beobachten nämlich Defizite bei den Studenten, die immer seltener schon als Kinder gebaut und getüftelt haben. Zweitens ist und wird es immer schwieriger, geeigneten ingenieurwissenschaftlichen Nachwuchs zu erhalten. Viele mathematisch-naturwissenschaftlich begabte Schüler haben seitens ihres Elternhauses nicht die Möglichkeit, Einblick in ingenieurwissenschaftliche Themen und Fragestellungen zu erhalten. Sie bekommen nicht genügend Gedankenanstöße, selbst zu tüfteln, zu bauen und auszuprobieren. Hinzu kommt, dass es eine solch große Vielfalt an Studienrichtungen gibt, dass viele Studenten in Unkenntnis anfangs das für sie falsche, zumindest nicht optimale Studienfach wählen und wechseln müssen. Dies ist für den Steuerzahler teuer. Je mehr Kinder als Schüler Ziele erkennen, umso häufiger finden sie auch die passende Studienrichtung. Die Hamburger Schüler haben eine hervorragende Technische Universität vor ihrer Haustür im eigenen Bundesland, aber sie kennen sie nicht!

Hier haben Prof. Liese mit seiner Frau Gesine Liese bei der Entwicklung dieses Kurses angesetzt. Frau Liese führte tiefgehende Gespräche mit einigen Professoren der TUHH, um die Ursachen aufzudecken, wieso es heutzutage an geeignetem ingenieurwissenschaftlichen Nachwuchs mangelt. Mit den Besuchen an der TUHH möchten wir den Kindern sowohl Einblick in die ingenieurwissenschaftliche Welt bieten, als auch sie dazu bewegen, nicht nur zur Schule zu gehen, um bloß einen Schulabschluss zu machen, sondern um ein selbst gesetztes Ziel zu erreichen.

Das Grundschulbegleitende Programm soll die Kinder dazu anregen, in ihrer Freizeit zuhause weiter zu tüfteln. Bei der Entwicklung und Ausarbeitung der Schulversuche wird Frau Liese von Frau Julia Husung unterstützt. Sie verwenden weitgehend Materialien aus dem Alltag der Kinder, damit sie diese auch zu Hause zugänglich haben. Auf diese Idee sind sie durch ihr erstes Pilotprojekt gekommen. Sie haben z.B. Luftkissenfahrzeuge aus Verpackungsmaterialien für Lebensmittel usw. in der Schule gebastelt. Einige Schüler haben dann zu Hause versucht, die vorgeschlagenen Modelle selbst weiterzuentwickeln und sie in der Badewanne auf Wasser fahren zu lassen. Hierbei spielten Konstruktionsgesichtspunkte wie Schwerpunkt, Reibung und Gewicht eine große Rolle. Im Schulunterricht wird ein Thema möglichst komplett behandelt. Dieser Kursus gibt diesen hoch motivierten und begabten Kindern die Gedankenanstöße und das Know-how, um zuhause dann selbst loszulegen und weiterzumachen, freiwillig und selbst bestimmt. Dieses Know-how wird um das im Kursus vermittelte ‚Know-why’ weiter ergänzt. An der TUHH wird ihnen dann gezeigt, wie solche Ideen und Interessen dann in eine große Bandbreite von Berufen umgesetzt werden können.

Würden die Kinder nur ein Besuchsprogramm an der TUHH absolvieren, würden sie inhaltlich nicht annähernd so viel lernen. Durch die Vorbereitung der Besuche eine Woche später haben sie Zeit, zu denken und Fragen zu entwickeln. Im Pilotprojekt wurden die Kinder bei den Besuchen von Frau Liese und Frau Husung beobachtet und erst dann haben sie die heutigen Vorbereitungsstunden entwickelt. Hierbei profitierten sie von Frau Husungs ingenieurwissenschaftlichen sowie Frau Lieses pädagogisch und naturwissenschaftlichen Ausbildung. Sie setzen da an, wo den Kindern Ideen und Wissen gegeben werden kann, sodass sie selbst weitermachen können. Sie zeigen ihnen auch, wo man noch mehr Ideen oder Erklärungen finden kann.

In den zwei Pilotprojekten an der Grundschule In der Alten Forst wurden zwei unterschiedliche Gruppen mit jeweils 25 Grundschülern betreut: Im Herbst-Kurs haben die Lehrerinnen vier ‚teilleistungs-begabte’ Kinder aus jeder 3. und 4. Klasse ausgesucht. In der Frühjahrsgruppe, haben die Lehrerinnen jeweils 6-8 geeignete Viertklässler ausgesucht, welche beim letzten Mal nicht dabei waren. Der Unterschied war enorm, und zeigte, dass dieses Programm optimal in der Begabtenförderung platziert ist. Es sind gerade die ‚teilleistungs-begabten’ Kinder, die am meisten lernen, am besten mitmachen und verändert aus dem Kurs herauskommen.

3.2 Was ist das Besondere am Kinderforscher-Projekt?

Thematischer Inhalt ist die Förderung von Mathematischem-, Technischem- und Naturwissenschaftlichem-Nachwuchs: Nur wenn Kinder entsprechende Profilfächer in der 11. Klasse wählen, werden diese angeboten und bereiten die Schüler für ein Studium in den MINT-Fächern vor. Die Schüler dürfen ihr natürliches kindliches Interesse an Naturphänomenen nicht verlieren. Sie sollen ihr Interesse ausbauen, ihre Fähigkeiten ausprobieren können und sich die MINT-Fächer zutrauen.

Vorreiterrolle von KINDERFORSCHER:

  • Kinder beteiligen sich aktiv, sowohl in den Schulexperimentierstunden als auch bei allen sechs Terminen an der TUHH. Selbst die Einführungsvorlesung ist interaktiv. Bei den Institutsbesuchen können die Schüler meistens selbst aktiv experimentieren. Innerhalb der Abschlusspräsentation tragen weitgehend Schüler vor, und die Eltern reduzieren ihre Berührungsängste zur TUHH. 
  • Die Hälfte der "Arbeit" findet in der Schule statt, die andere Hälfte an der TUHH: => es erfolgt eine echte Kooperation! Die TUHH legt besonderen Wert auf Kooperationen zwischen Schulen und der TUHH.

  • *Parallel werden die Lehrer mit den Schülern weitergebildet, und dazu angeregt, experimentelle Versuche in den Schulalltag zu integrieren. Wenn die Lehrer im KINDERFORSCHER-Programm Schülerversuche kennen gelernt und durchgeführt haben, werden sie sie auch nach Möglichkeit in den Schulunterricht einbauen.

    • Beispiel: Veränderungen an der Schule In der Alten Forst:

  • Ein zusätzlicher Wahlpflichtkursus "Experimentieren" wurde im Vormittagsunterricht eingeführt,
  • der Versuch zum Thema ‚Hefe’ beim Thema "Getreide" wurde von uns mit 60 Kindern im Vormittagsbereich durchgeführt,
  • auch andere Schulklassen besuchten die Bibliothek der TUHH,
  • eine weitere Schulklasse besuchte die Buchbinderei der TUHH,
  • mehrere Familien kamen nur aufgrund vom KINDERFORSCHER-Pilotprojekt zur “Nacht des Wissens“ an die TUHH. Anschließend berichteten sie anderen Familien begeistert darüber.

  • Die Kinder experimentieren an den Schulen mit Materialien aus ihrem Alltag (Joghurtbecher, Trinkgläser, Butterbrotdosen, …). Sie können zuhause selbständig weitermachen. Sie werden dazu angeregt, weitere Versuche auszuprobieren.

  • Die Schüler lernen Sach- und Experimentierbücher kennen. Sie lernen, wie sie selbst Versuchsanleitungen finden können. Sie erhalten eine Liste mit Internet-Links zu Seiten mit Versuchen für Kinder.

  • Das Projekt selbst ist inzwischen zu einem von vielen Bausteinen der Nachwuchsförderung der TUHH avanciert. Die TUHH hat zahlreiche weiterführende Schulen als Kooperationsschulen, mit denen weitere Projekte durchgeführt werden. Es werden Ferienprogramme angeboten, zu denen Kinder sich anmelden können. In der Nacht des Wissens können Kinder mit ihren Familien kommen und ihren Eltern zeigen, was sie begeistert hat und sich für Weiteres begeistern lassen.



[1] Wirtschafts Woche, 8.10.2007, Nr. 41, S. 38